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Schülerfirma – „die unterschätzte Lernmethode“

Schülerfirma Break Point der Hauptschule Ahornweg in Bergisch Gladbach in 2012

Obwohl die Lernmethode Schülerfirma schon seit mehreren Jahrzehnten bekannt ist, scheuen sich immer noch viele Schulen davor, Schülerfirmen zu gründen. Dass sich die Gründung einer Schülerfirma jedoch lohnt und sich der zusätzliche Arbeitsaufwand in Grenzen hält, soll dieser Artikel verdeutlichen. Schülerfirmen stärken Schüler und helfen ihnen beim Übergang Schule – Beruf.

Beispielgeschichte zur Wirkung von Schülerfirmen

Stellen Sie sich einen Schüler vor, der über eine große natürliche Autorität verfügt. Bisher nutzt dieser Schüler – nennen wir ihn Basti – seine Autorität vor allem dazu, in der Klasse oder nach der Schule zu entscheiden, welche Dummheit seine Clique als nächstes anstellen soll. Bastis Image bei den meisten Lehrern ist schlecht. Als Klassenlehrerin müssen Sie ihn häufig vor Kollegen verteidigen und zu Einzelgesprächen bitten. Zum Glück hat eine Ihrer Kolleginnen zu Beginn des Schuljahres an ihrer Schule eine Schülerfirma gegründet und Basti eine Chance als Mitarbeiter gegeben. Die Schülerfirma verkauft in der Pause Snacks und Getränke an Lehrer und Schüler. Obwohl die Schülerfirma nur fünf Produkte verkauft, ist das Gedränge in der Pause mindestens genauso groß wie am Pausenverkauf des Mensabetreibers. Die Mitarbeit in der Schülerfirma macht Basti großen Spaß. „Endlich habe ich in der Pause eine sinnvolle Beschäftigung“, äußert sich Basti nach einer Pause Ihnen gegenüber. Basti ist stolz. Die Schülerfirma erwirtschaftet Gewinn und gemeinsam mit einem Kollegen aus der Schülerfirma darf er sogar die Kassenabrechnung erledigen. Sie sind in dem Glauben, dass die Schülerfirma Ihrer Kollegin wirklich gut angelaufen ist. Dennoch bemerken Sie auch, dass der Hausmeister und einige Kollegen sich an dem zusätzlichen Müll auf dem Schulhof stören, der seit diesem Schuljahr durch die Verpackungen der Snacks und Getränke der Schülerfirma verursacht wird. Doch noch bevor Sie Ihre Kollegin auf Ihre Beobachtung ansprechen können, sehen Sie Basti wild gestikulierend mit zwei anderen Kollegen auf dem Flur vor dem Lehrerzimmer stehen. Sie fragen sich, was Ihr Basti denn jetzt schon wieder angestellt hat. Doch als Sie sich den drei nähern hören Sie, dass Basti und Ihre Kollegen verschiedene Möglichkeiten diskutieren, wie in Zukunft der zusätzliche Müll auf dem Schulhof reduziert werden kann. Mit einem Lächeln setzen Sie sich in das Lehrerzimmer und genießen einen Moment der Ruhe. Plötzlich fällt es Ihnen wie Schuppen von den Augen: „Ach natürlich sprechen Ihre Kollegen mit Basti und keinem anderen Mitarbeiter der Schülerfirma über den Müll auf dem Schulhof. Mit seiner natürlichen Autorität ist er genau der richtige Schülerfirmenmitarbeiter, um den anderen aus dem Team klarzumachen, dass das ein Problem ist, zu dessen Lösung die Schülerfirma irgendwie beitragen muss. Hätten Ihre Kollegen mit einem anderen Schülerfirmenmitarbeiter gesprochen, der vielleicht bessere Schulnoten, aber weniger Autorität hat, würde das Problem von der Schülerfirma wahrscheinlich nicht angegangen werden.“ Als Sie Basti am nächsten Tag fragen, wie es in der Schülerfirma läuft, erzählt er Ihnen ganz stolz, dass Ihre Kollegin ihn zum Ansprechpartner der Schülerfirma für die Lehrer vorgeschlagen und das Team der Schülerfirma ihn tatsächlich gewählt hat. Sie freuen sich, dass Basti seine natürliche Autorität nun endlich auch mal für positive Zwecke nutzen kann und Ihre Kollegen ein anderes, umfassenderes Bild von Ihrem Schüler Basti bekommen.

HAPPYEAT em-Schülerfirma der Anne-Frank-Schule in Mettmann in 2012

Vorteile von Schülerfirmen

Unabhängig davon, welche Geschäftsideen einer Schülerfirma zu Grunde liegen, fördert diese Lernmethode bei Schülern Talente und Fähigkeiten, die häufig in unterrichtlichen Lernsituationen zu kurz kommen. In Schülerfirmen können Schüler nicht nur Handlungskompetenzen wie Eigeninitiative, Verantwortungsübernahme und Problemlösungskompetenz einüben, sondern machen auch die persönliche Erfahrung, welche Bedingungen und Verhaltensweisen eine langfristige und erfolgreiche Teamarbeit begünstigen. Außerdem trainieren die Schüler mit einem solchen Projekt ihre Zuverlässigkeit. Sie erleben sich als selbstwirksam und machen die Erfahrung, dass es mehr Spaß macht, etwas zu tun und sich an etwas zu beteiligen, als einfach faul zu sein und nichts zu tun. Diese Selbstwirksamkeitserfahrung wirkt sich bei vielen Schülerfirmenmitarbeitern auch positiv auf ihre Leistungsbereitschaft in den Schulfächern aus und damit auch auf ihre Noten. Lars Trömel, Lehrer an der Käthe-Kollwitz-Schule in Langenfeld und Gründer einer Schülerfirma, hat sogar die Erfahrung gemacht, dass die Mitarbeit in einer Schülerfirma dazu führt, dass Schüler weniger häufig fehlen. Auch banale Dinge wie Kopfrechnen oder professionelles Kommunizieren in Telefonaten, Emails und Geschäftsbriefen werden in Schülerfirmen in der Regel gelernt bzw. verbessert. Das besondere Engagement der Schülerfirmenmitarbeiter für die Schulgemeinschaft erhöht zudem auch ihre Identifikation mit der Schule. Darüber hinaus profitieren die Schülerfirmenmitarbeiter davon, das Wirtschaftsleben näher kennenzulernen. Denn sie lernen nicht nur wirtschaftliches Basiswissen wie die Unterscheidung von Umsatz und Gewinn, sondern sie kommen auch aus ihrer typischen, passiven Rolle als Konsument heraus. Die teilnehmenden Jugendlichen erleben sich stattdessen in verschiedenen Rollen typischer Akteure des Wirtschaftslebens: Sie agieren als Mitarbeiter, Kunden, Produzenten und Verkäufer. Dadurch erweitert sich ihre Perspektive auf wirtschaftliches Handeln. Dies hilft ihnen nicht zuletzt auch bei der Berufsorientierung und dem Übergang Schule-Beruf. In der Schülerfirma lernen Schüler, wie betriebliche Abläufe aussehen können und welches Niveau an Zuverlässigkeit, Genauigkeit und Kommunikation nötig ist, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Je nachdem welche Geschäftsidee eine Schülerfirma verfolgt, bekommen die Mitarbeiter außerdem bereits erste Einblicke in Ausbildungsberufe wie z.B. Einzelhandelskauffrau/-kaufmann, Bürokauffrau/-kaufmann oder Schreiner/in. Aus meiner persönlichen Erfahrung ist das alles überragende Lernergebnis einer Schülerfirma jedoch, dass mitarbeitende Jugendliche einen enormen Schub in ihrem Selbstbewusstsein erleben. Sie lernen für sich bzw. ihr Schülerfirmenteam einzustehen und externen Erwachsenen gegenüber professionell und selbstsicher aufzutreten.

Auch die Schule als Ganzes profitiert von der Gründung einer Schülerfirma. So kann das Berufsorientierungskonzept sinnvoll ergänzt werden und das Schulprofil wird je nach Ausrichtung der Schülerfirma gestärkt. Dies hinterlässt nicht nur bei Eltern, die die Lebensnähe und Praxisorientierung von Schülerfirmen schätzen, einen nachhaltigen Eindruck. Es erleichtert auch die Suche nach außerschulischen Lernpartnern. Darüber hinaus erlaubt es die Gründung einer Schülerfirma, das Thema Wirtschaft auf realitätsnahe, aber individuelle Art und Weise zu behandeln, ohne das Risiko einzugehen, dass man über Unterrichtsmaterialien o.ä. von bestimmten wirtschaftlichen Sichtweisen beeinflusst wird.